bochum macht spaß
Foto: Frank Goosen

FRANK GOOSEN | ZWIEBELMETT UND DIE WEITE WELT

Foto: Frank Goosen

Text: David Wienand

Fotos: Frank Goosen

FRANK GOOSEN | ZWIEBELMETT UND DIE WEITE WELT

In seinem neuen Roman »Lovely Rita« taucht der Schriftsteller Frank Goosen ganz tief ein in das Biotop einer fiktiven Ruhrgebietskneipe am Vorabend der letzten Runde vor der endgültigen Schließung. Rita Urbaniak ist die reizende Rita, und über sie sowie die weiteren Charaktere und andere Besonderheiten des aktuellen Romans des Bochumers unterhält sich David Wienand für Bochum macht Spaß mit Frank Goosen, der übrigens auch selbst das zeitgleich erscheinende Hörbuch, verlegt beim Bochumer Tacheles Verlag, eingelesen hat.

Frank, ist dir eigentlich bewusst, dass, schält man deinen neuen Roman aus dem farbigen Umschlag, der Buchdeckel knallgelb und Autor und Titel auf dem Buchrücken in schwarzer Schrift aufgedruckt sind? Schwarzgelb! Ein Versehen oder böse Absicht von jemandem beim Verlag, der es besonders „gut“ mit dir meint?
(Lacht) Das ist mir leider auch erst aufgefallen, als das erste Vorabexemplar bei mir ankam. Immerhin ist es ein eher fahles Gelb. Wie die Säufersonne am Firmament einer trunkenen Nacht.

Gleich zu Beginn des Romans, in der Exposition, gelingt dir die mit Abstand poetischste Schilderung in deiner bisherigen schriftstellerischen Karriere. Und zwar die eines sicherlich immer wieder einzigartigen, weil beeindruckenden Moments, wenn das frische Bier – vermutlich Fiege, aber es wird nicht genannt – aus dem Zapfhahn in das saubere Glas rinnt und in einer Schaumkrone mündet. Konnte dich nur ein solch ergreifendes Ereignis zu dieser dichterischen Höchstleistung verleiten?
Es freut mich, dass du das so empfunden hast. Ich wollte möglichst „sinnlich“ ins Buch einsteigen und gleich klarmachen, wo wir uns befinden. Das scheint mir gelungen zu sein. Tatsächlich fand ich den Zapfvorgang, wenn er von Profis ausgeführt wird, schon immer faszinierend. Wenn ich es selbst versucht habe, bekam ich es nie so gut hin wie etwa Siegfried „Siggi“ Mordau, der Wirt des legendären „Sportfreund“ (ohne s in der Mitte), der Kneipe gegenüber meiner Schule.

Thematisch geht es um das Kneipensterben nicht nur im Ruhrgebiet. Um das Ende einer Traditionskneipe, die im Roman „Haus Himmelreich“ heißt, sowie um die Charaktere und Geschichten, die mit diesem Etablissement eng verknüpft sind. Wenn man in Bochum zu Hause ist, weiß man doch sofort, welche Wirtschaft für diesen Roman Patin gestanden hat, oder!?
Es gibt kein konkretes Vorbild. Vielmehr gab es mehrere Kneipen, die Pate standen. Neben dem schon erwähnten „Sportfreund“ sicher das „Haus Fey“, auf das du wahrscheinlich anspielst, aber auch der „Fliegenpils“, in dem wir in den Neunzigern mit Tresenlesen aufgetreten sind. Dessen ehemalige Wirtin Gabi Spork hat mich mit vielen wichtigen Informationen und Anekdoten aus dem Leben einer Wirtin versorgt. Was die schrägen Typen angeht, würde ich sogar bis in meine Kindheit zurückgehen, in die Lokale, in die mein Vater mich mitgenommen hat. Da war beispielsweise eine Gaststätte am Westring in Bochum, die mein Vater nur Fridolin genannt hat, wohl nach dem Wirt.

Erzähl doch bitte einmal etwas über die Charaktere in deinem neuen Roman. Rita, Gisela, Chris, Verena sind die Heldinnen und augenscheinlich allesamt recht starke Frauen.
Rita ist eine ungewöhnliche Wirtin in einer gewöhnlichen Kneipe. Eigentlich wollte sie was anderes machen und hat Anfang der Siebziger angefangen zu studieren. Aber aus einer tiefen Verbundenheit zu dem Onkel, der sie aufgezogen hat, führt sie seine Kneipe, das „Haus Himmelreich“, nach seinem Tod erst mal weiter. Und bleibt mehr als fünfzig Jahre dabei. Ihre ältere Schwester Chris hat schon in den Sechzigern die von ihr als beengt empfundenen Verhältnisse im Ruhrgebiet hinter sich gelassen und sich in mondänen Orten wie Paris, Juanles- Pins, St. Moritz herumgetrieben. Zwischendurch hat sie ihre Tochter Verena in Bochum bei Rita abgeladen, damit sie ordentlich zur Schule gehen kann. Verena stürzt sich als junge Frau beispielsweise in die Auseinandersetzungen der Hausbesetzerszene mit der Staatsmacht, ist auch bei der Besetzung der BO-Fabrik dabei, erlebt dort das legendäre Soli- Konzert von Ton Steine Scherben. Rita muss ihre Schwester immer mal wieder aus schlimmen Situationen herausboxen, schon als Kind. Diese Dinge bilden das emotionale Zentrum des Romans. Und ja, es ging mir darum, starke Frauen zu beschreiben, keine Opfer. Keine dieser Frauen hat sich je irgendwas gefallen lassen. Das hat mich immer interessiert. Außerdem geht es mir immer darum, dass das Ruhrgebiet nicht nur eine aus Zwiebelmett bestehende Insel ist, sondern Teil der großen weiten Welt, und dass es hier immer auch Menschen aller Geschlechter gab und gibt, die weiter gucken können als die Bockwurst über den Tellerrand ragt.

Wieder einmal hast du auch das Hörbuch als Autor selbst eingesprochen: Gibt es Entdeckungen oder Überraschungen, die du unerwartet machst, wenn du dir anschließend die Autorenlesung selbst einmal anhörst?
Ich habe immer den berühmten „Heidenspaß“ bei der Aufnahme des Hörbuchs und finde meist noch ein paar kleinere Fehler; deshalb mache ich das immer vor der endgültigen Drucklegung. Bei manchen Passagen freue ich mich schon beim Schreiben aufs Vorlesen. Da ich aber wie viele andere Menschen meine eigene Stimme nicht gerne höre, höre ich da hinterher nur noch kurz rein.

So viel sei noch verraten: Auch die Musik spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle, aber der Fußball eher weniger bis gar nicht. Dennoch bist und bleibst du ihm ja doch eng verbunden. Also sei zum Schluss die Frage gestattet, wie dein Blick auf die aktuelle Lage deines VfL Bochum ausfällt.
Derzeit macht der VfL ja durchaus wieder Spaß. Die Talente blühen auf, die Ergebnisse stimmen, und wir haben einen Trainer, an dem mir vor allem seine klare Kommunikation gefällt.